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Pronominale Anredeform
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Als pronominale Anrede bezeichnet man die Anrede von Personen mit einem Pronomen, z. B. du, ihr, Sie. Die Wahl des jeweils angemessenen Pronomens wird durch gesellschaftliche Normen bestimmt, die dem stetigen Wandel von Gesellschaft und Sprache ausgesetzt sind. In vielen Sprachen wird die zweite oder dritte Person Singular oder Plural des Personalpronomens bei der direkten Anrede eingesetzt, teilweise ein Possessivpronomen, oder es wird eine pronomenfreie Konstruktion gewÀhlt. Die pronominale Anredeform unterscheidet sich je nach Land und Volk, nach Sprache und Gesellschaftsgruppe, nach dem VerhÀltnis des Ansprechenden zum Angesprochenen und nach der jeweiligen Situation.
Contents
âą Anrede mit du
âą Anrede mit Sie
âą Anrede mit ihr
âą Anrede mit Wir
⹠NiederlÀndisch
âą Alte Sprachen
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Deutscher Sprachraum
Geschichtliche Entwicklung
Mittelalter (800 bis 1500)
FĂŒr die Zeit vor dem 9. Jahrhundert hat man mangels geeigneter deutschsprachiger schriftlicher Zeugnisse keine verwertbare Information. Das wohl frĂŒheste Zeugnis fĂŒr die Verwendung der Anredeform âIhrâ anstelle von âduâ ist eine Textstelle aus dem Jahr 865 bei Otfrid von WeiĂenburg, der diese Form gegenĂŒber dem Bischof von Konstanz verwendet.cite-ref-1[1] In Analogie zu anderen alten Sprachen kann man vermuten, dass in frĂŒheren Zeiten nur die direkte Anrede mittels der 2. Person Singular benutzt wurde, je nach Gegebenheiten ergĂ€nzt durch ehrbezeugende ErgĂ€nzungen. Der Ăbergang zur 2. Person Plural gegenĂŒber fĂŒrstlichen und andere hohen WĂŒrdentrĂ€gern entwickelte sich wohl in der SpĂ€tantike, vielleicht angeregt durch den Usus spĂ€trömischer Kaiser, die den Pluralis Majestatis fĂŒr ihre Verkundbarungen nutzten und in der Folge auch so angesprochen wurden, da es in der römischen Tetrarchie seit dem Jahr 293 tatsĂ€chlich je einen Senior- und einen Juniorkaiser fĂŒr beide ReichshĂ€lften gab. Die PĂ€pste â wohl seit Gregor I. â ĂŒbernahmen diese Anredeweise. In der Soziolinguistik wird die Unterscheidung zwischen dem âSolidaritĂ€tspronomenâ, das sich in vielen europĂ€ischen Sprachen aus dem lateinischen tu (2. Person Singular) ableitet, und dem âMachtpronomenâ, das der Pluralform vos entstammt, als T-V distinction bezeichnet. Im germanischen Sprachbereich setzt diese Unterscheidung etwa im 11. Jahrhundert ein.cite-ref-2[2]
Ehrende Attribute, die der âduâ- oder âIhrâ-Anrede im Deutschen beigefĂŒgt wurden, entstanden etwa in der Form âMein Herrâ oder in Ă€hnlichen Ehr- oder UnterwĂŒrfigkeitsbezeugungen. Auch der mittelalterliche Adel sprach sich untereinander wohl zunehmend mit âIhrâ an. Das gemeine Volk wurde hingegen von Adeligen und vom Klerus geduzt. Innerhalb der einfachen Land- und auch Stadtbevölkerung wurde wohl bis etwa zum Ende des Mittelalters generell jeder Einheimische oder Fremde geduzt, der keine besondere Stellung innehatte oder nicht als Besonderer erkannt wurde. Auf dem Lande und speziell in Berggebieten hielt es sich noch wesentlich lĂ€nger und es findet sich in Resten noch heute, so in gewissen alpinen Regionen.
Mehr oder weniger authentische Kurzreden aus dem höfischen Umfeld des Hochmittelalters können wir Wolfram von Eschenbachs Parzival-Epos entnehmen. Zwar spielt die Geschichte inhaltlich in Britannien um 500 n. Chr., aber der mittelhochdeutsch schreibende Autor hat in seinem um 1200 entstandenen Epos wohl die damals ĂŒblichen Anredeweisen eingesetzt. So erkennt man beim Lesen, dass sich Ritter untereinander mit Ihr ansprachen. Die Anrede des Königs zum Knappen GĂąwĂąn im folgenden Dreizeiler ist aber erwartungsgemÀà in der âduâ-Form, die Anrede des Knappen an den König wieder in der âIhrâ-Form, ergĂ€nzt durch ein ehrerbietendes âHerrâ. Die Zeilen stammen aus Buch XIII, Abschnitt 650, Zeile 19â21:
Hin zem knappen sprach er dĂŽâ
nu sage mir, ist GĂąwĂąn vrĂŽ?â
âjĂą, hĂȘrre, ob ir welletâ âŠ
(Hin zum Knappen sprach er da
nun sage mir, gehtâs GĂąwĂąn gut?
ja Herr, so Ihr wollet âŠ)
Neuzeit (1500 bis 1800)
Wohl etwa ab der frĂŒhen Neuzeit kamen die vom Hofstaat gepflegten Umgangsformen mit der Höflichkeitsform Ihr im StadtbĂŒrgertum und gegenĂŒber Respektpersonen auf. Kaufleute, Adlige und Geistliche ihrzten sich untereinander, auch EhemĂ€nner wurden von den Frauen geihrzt, die Kinder, sobald sie einen bestimmten Status erreicht hatten. Niederrangige, etwa Kinder, Knechte und Untergebene, aber auch Ehefrauen und Juden, wurden geduzt.cite-ref-3[3]
Die ab dem SpĂ€tmittelalter ĂŒbliche indirekte Anrede fĂŒr Herrscher und Herren (Der Herr hat) verselbststĂ€ndigte sich im frĂŒhen 17. Jahrhundert durch Ellipse des der Herr zu einer eigenstĂ€ndigen Anredeform als Ehrbezeugung, das Erzen. Im Roman Insel Felsenburg wird der Herr ĂŒber die Insel geerzt und antwortet mit âIhrâ.
âEhrwĂŒrdiger Alt-Vater! Ich komme zu ihm als einem Manne, den der Himmel durch seine besondere FĂŒgung vor andern Menschen in einen bewunderens wĂŒrdigen Stand gesetzt, [...] will aber bey dieser ersten Zusammenkunfft weiter nichts melden, als, daĂ ich ehe mein Leben [...] verliehren, als des löblichen ewigen Nachruhms entĂŒbriget seyn wolte, ein getreuester Knecht und Freund von ihm und allen dessen Angehörigen zu seyn. Mein Herr und Freund! ich lobe den Allerhöchsten, daĂ er euch nach einer bey nahe dreyjĂ€hrigen, und ohnfehlbar mit vielen GefĂ€hrlichkeiten verknĂŒpfften Reise, gesund zu uns gefĂŒhret hat.â
â
Johann Gottfried Schnabel
:
Wunderliche Fata einiger See-Fahrer, absonderlich Alberti Julii, eines geborenen Sachsens, auf der Insel Felsenburg, Zweiter Teil, 1732, S. 517
Auch Gleichrangige sprachen sich mitunter als Zeichen der Hochachtung in der dritten Person an:
âJungfer Mariegen, wie so allein? Suchet sie Johannisbeeren? Wie er sieht. Soll ihr niemand helffen?â
â
Christian Weise
:
Die drey Àrgsten Ertz-Narren, 1676, Kap. 12
FĂŒr einen Briefwechsel zwischen Vater und Sohn wurde 1730 folgende Formulierungen empfohlen:
âSehr geehrter Herr Vatter, Wann dieses gegenwĂ€rtige Schreiben denselben bei gutem Wohlstand findet, so erfreuet mich das höchlich... Geliebter Sohn, Dein Schreiben habe ich zurecht erhalten, und mich ĂŒber deine gute Gesundheit und glĂŒcklichen Wohlstand merklich erfreuet...â
â
Teutscher Secretarius oder Allzeit fertiger Briefsteller, 1730, S. 250â251
Das Ihr wurde dadurch zur mittleren Stufe der Höflichkeitsform zwischen Du und Er. Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte sich durch das Setzen der dritten Person in den Plural (Euer MajestĂ€t haben statt Euer MajestĂ€t hat) und der Ellipse des Euer Gnaden das heute noch verwendete Siezen, zunĂ€chst nur fĂŒr Herrscher.
Dieses komplexe System der Anrede, das fĂŒr Briefe und den Kanzleistil bestimmend war, wurde in der mĂŒndlichen Rede nur von der Oberschicht (Adel, Klerus und BĂŒrgertum) praktiziert, Bauern und Handwerker verblieben in der mittelalterlichen Du-/Ihr-Dichotomie. Aber auch erstere wechselten die Höflichkeitsstufe nach Kontext, in der Literatur markiert ein solcher Wechsel, vor allem von Er/Sie nach Ihr oder (etwa bei Verheirateten) Du, hĂ€ufig VerĂ€rgerung oder Erregung.cite-ref-7[7]
Als allgemeine Anrede setzte sich ab etwa 1730 das Siezen durch. Nachdem die AufklĂ€rung auch allmĂ€hlich breite Bevölkerungsschichten tangiert hatte, wurden ab der zweiten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts in vornehmerer (und zugleich meist gebildeterer) Umgebung auch sozial niedriger Gestellte, z. B. Bedienstete und Handwerker, gemeinhin mit Ihr angesprochen. Das Erzen wurde zur Anrede fĂŒr vertraute Untergebene und Handwerksmeister. Aber auch Höhergestellten redeten Niedergestellte mit Er statt mit Sie an.
FĂŒr die vornehme und amtliche Anrede im schriftlichen Verkehr gab es bestimmte Floskeln, die standardisiert waren, Ă€hnlich dem heutigen âSehr geehrte Damen und Herrenâ. So schrieb Friedrich Schiller 1794 als ein bereits bekannter Dichter und Professor fĂŒr Philosophie aus Jena an den (ranghöheren) Johann Wolfgang von Goethe:
âą âHochwohlgeborner Herr, Hochzuverehrender Herr Geheimer Rath!â und schloss mit den Worten âEuer Hochwohlgeboren, gehorsamster Diener und aufrichtigster Verehrer, Jena 13. Juni 1794, F. Schillerâ,
wÀhrend der Geheime Rat Goethe einige Tage spÀter aus Weimar seinen Antwortbrief begann mit:
âą âEw. Wohlgeborenâ und ihn enden lieĂ mit âWeimar 24. Juni 1794, Goetheâ
Das ĂŒber mehrere Jahrhunderte in Anreden ĂŒbliche âEw.â ist zu lesen als âEuerâ und ist die AbkĂŒrzung des frĂŒhneuhochdeutschen Wortes âewerâ, welches sich wiederum vom mittelhochdeutschen âuiwerâ herleitet. Neben den formalistisch anmutenden Anreden und Ausdrucksweisen fĂ€llt auch auf, dass in den beiden Anreden kein Name genannt wird und in der Antwort Goethes auch nicht einmal das Wort âHerrâ vorkommt. WĂ€hrend die Anrede ĂŒber âEw.â in der 2. Person Plural verfasst ist, ist die pronominale Anrede im Brieftext selber in beiden FĂ€llen in der 3. Person Plural verfasst. Somit wurden in diesem Briefwechsel zweier angesehener Herren Ende des 18. Jahrhunderts zwei verschiedene Anredeformen, das Ihrzen und das Siezen, gemischt.
Ende des 18. Jahrhunderts wurde Ihr und Er fast vollstÀndig durch das Sie verdrÀngt, in der dritten Person Singular wurden nun nur noch die geringsten Bediensteten angesprochen, in der zweiten Person Singular selten noch gute Bekannte. Nur in einigen lÀndlichen Gebieten wurden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Fremde noch geihrzt, untereinander wurde geduzt.
Moderne Zeit (1800 bis um 2000)
Beim Ăbergang der stĂ€ndischen Gesellschaft in eine bĂŒrgerliche um 1800 wurden das Siezen und die Anrede Herr, Frau und FrĂ€ulein fĂŒr alle BĂŒrger ĂŒblich, die hiermit in gewissem Sinne stĂ€ndische Gepflogenheiten nachahmten, jedoch verblieb auf dem Land vielerorts das Ihrzen oder gar Duzen, teilweise bis in die heutige Zeit. Das Ihrzen der eigenen Eltern beobachtete man noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts, gegenĂŒber entfernteren Verwandten teilweise noch lĂ€nger.
Der insgesamt aber doch breite Ăbergang vom Ihr zum Sie signalisierte das Bestreben nach einer gewissen Angleichung an die Etikette der Adligen, vielleicht teilweise auch eine Abgrenzung der Stadt- zur Landbevölkerung, wo diese Prozesse deutlich zeitverzögert Einzug hielten. Dass sich das Siezen aber doch aus der stĂ€dtischen Gesellschaft auf das gesamte Land ausbreitete, hing wohl mit der zentral von den StĂ€dten ausgehenden Verwaltung zusammen, in der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts dann auch mit der starken Besiedlung lĂ€ndlicher Gebiete durch aus der Stadt ins Umland ziehende Bewohner.
Unter Studenten galt noch lĂ€nger das âDuzcommentâ (Du-Comment), d. h. die Ăbereinkunft, dass sich alle duzten. Dieser Usus ging in Deutschland wĂ€hrend des 19. Jahrhunderts stark zurĂŒck und fand sich Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch in Resten, so an der UniversitĂ€t Dorpat (heute Tartu, Estland). Innerhalb einer Studentenverbindung hielten die Mitglieder zwar den lebenslang geltenden Duz-Comment weiterhin untereinander ein, hatten aber nach auĂen hin (auch zu Mitgliedern anderer Verbindungen) das Siezen zu verwenden. In der Schweiz blieb das Duzen unter allen Studenten stets weitgehend erhalten. UngefĂ€hr ab 1970 (je nach UniversitĂ€t etwas unterschiedlich) ist es jedoch auch in Deutschland (zunĂ€chst Westdeutschland) wieder unter allen Studenten ĂŒblich geworden, einander direkt zu duzen.
Bei Mitgliedern sozialdemokratischer, sozialistischer und kommunistischer Parteien ist das Duzen ĂŒblich, wenngleich gegenĂŒber ehrwĂŒrdigen Ă€lteren AmtstrĂ€gern von JĂŒngeren oft doch nicht spontan ĂŒberall angewandt. Ehemals verbannten sie nicht nur das Siezen, sondern ersetzten auch die fĂŒr sie feudalherrschaftlich klingenden Titel Herr, Frau und FrĂ€ulein durch die Anrede Genosse und Genossin. SekundĂ€r wurden dann aber zur Re-Etablierung von auch in der Anrede erkennbaren Hierarchien Funktionstitel angefĂŒgt: Genosse General, Genosse GeneralsekretĂ€r, Genossen Minister usw.
In der Zeit des Nationalsozialismus und auch in der Zeit davor und danach war das allgemeine Siezen, auĂer auf dem Lande, die ĂŒbliche Anredeform sowohl innerhalb der Regierung als auch in der Gesellschaft. Auch junge Menschen getrennten Geschlechtes sprachen sich mĂŒndlich oder brieflich in der Kennenlernphase oft lĂ€ngere Zeit mit Sie an, z. B. in der Form âDarf ich mit Ihnen am Sonntag ausgehen, (FrĂ€ulein) Martha?â. Eine mögliche kurze briefliche Antwort konnte gelautet haben âWerter Friedrich, leider ist es mir nicht möglich, mich mit Ihnen zu treffen âŠâ. In gehobener Gesellschaft wurde sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz das Hauspersonal öfters mit dem Hamburger Sie (Anrede mit âSieâ und dem Vornamen) angesprochen. Ăber die Kinder des herrschaftlichen Hausherrn hatten die Bediensteten teilweise in der Form âder junge Herrâ bzw. âdas FrĂ€uleinâ zu sprechen, konnten die Kinder selber aber duzen, solange sie jung waren.cite-ref-8[8] Allerdings gab es verschiedene Varianten von Gepflogenheiten.
Im gesamten 20. Jahrhundert war im deutschen Sprachraum eine Grundregel, dass in erster Linie Familienangehörige, Verwandte und enge Freunde (sogenannte Duzfreunde) geduzt werden. Fremde Erwachsene wurden grundsĂ€tzlich ab etwa 16â17 Jahren gesiezt, also deutlich vor Erreichen der gesetzlichen VolljĂ€hrigkeit, die in Ăsterreich und in der BRD bis 1973 bzw. 1975 bei 21 Jahren lag, in der Schweiz damals bei 20 und in der DDR bei 18 Jahren. In manchen stĂ€dtischen Familien war der Kreis der geduzten nicht-verwandten Personen sehr klein und beschrĂ€nkte sich auf Jugendfreundschaften. Lehrer gingen gegenĂŒber ihren SchĂŒlern ab der Schul-Oberstufe zum Siezen ĂŒber, hĂ€ufig in der Form des Hamburger Sie. Mancherorts ist ab den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sowohl zwischen Lehrern und SchĂŒlern als auch zwischen Dozenten und Studenten das wechselseitige Duzen ĂŒblich geworden. Beim Sport war es im Prinzip Usus, sich gegenseitig nach kurzer Zeit oder sofort zu duzen, doch haben sich auch hier, wie in anderen gesellschaftlichen Schichten, die Gewohnheiten regional und bei verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich schnell entwickelt. Generell war im 20. Jahrhundert das Duzen in alpenlĂ€ndischen Regionen ĂŒblicher als im ĂŒbrigen deutschsprachigen Raum.
Im Deutschen wurde das Duzen ab den 1968er-Bewegungen vorĂŒbergehend stark propagiert, da hierĂŒber auch soziale Hierarchien flacher gestaltet werden sollten.cite-ref-9[9] Es gab in der Zeit danach (1980er bis 1990er Jahre) aber auch gegenlĂ€ufige Bewegungen oder zumindest einen Stillstand. Bei der aus Skandinavien stammenden Firma Ikea, die in Deutschland ab 2004 in Werbetexten und auch unter der Belegschaft, vielfach aber nicht im wechselseitigen mĂŒndlichen Kundenkontakt, zum Du ĂŒbergegangen ist, gab es bereits Ende der 1970er Jahre in der Schweiz einen Willkommenstext am Eingang des HauptgeschĂ€fts, der sinngemÀà lautete âWenn Sie uns duzen, duzen wir Sie auch, wenn Sie uns siezen, siezen wir Sie auch.â Zu einer grundsĂ€tzlichen VerĂ€nderung in den Anredegepflogenheiten zwischen Kunden und Verkaufspersonal, die der Du-Reform im Heimatland der Firma entsprochen hĂ€tte, kam es damals aber nicht.
Anrede mit du
GegenwÀrtige Ausbreitung des Duzens
Die Anrede in der zweiten Person Singular des Personal- und Possessivpronomens (du, dich, dein usw.), umgangssprachlich Duzen genannt, ist die grammatikalisch direkte und einfachste Form der Anrede, die allen indogermanischen Sprachen zugrunde liegt. Duzen kann NĂ€he und Vertrautheit bedeuten und wird heute in der Kommunikation unter Freunden, Familienangehörigen und (asymmetrisch) gegenĂŒber Kindern und Jugendlichen angewendet. Je nach Situation und Institution wird auch akzeptiert, dass der âHöhereâ den âNiederenâ duzt und der âNiedereâ den âHöherenâ dennoch siezt. Derartige asymmetrische Anreden sind vielfach durchaus im Konsens mit dem Geduzten, der gleichsam den Alters- oder Rangunterschied fĂŒr diese Asymmetrie akzeptiert oder manchmal auch wĂŒnscht. Lehrer gingen frĂŒher fast generell gegenĂŒber ihren SchĂŒlern ab der Schul-Oberstufe zum Hamburger Sie ĂŒber; im Konsens mit den SchĂŒlern oder gar auf deren Wunsch verbleiben sie oft auch beim asymmetrischen Duzen, das teilweise aber auch wechselseitig gefĂŒhrt wird, gemÀà Umfragen allerdings hĂ€ufiger in den Alten als in den Neuen BundeslĂ€ndern.cite-ref-10[10] Generell ist Duzen und Vornamensnennung in der Schweiz und in Ăsterreich weiter verbreitet als in Deutschland, ferner in den Alten BundeslĂ€ndern bislang verbreiteter als in den Neuen BundeslĂ€ndern, wo es als SED-konformes âGenossen-Duâ teilweise einen historisch bedingten âBeigeschmackâ hat.
Unter der eingesessenen Landbevölkerung ist Duzen, manchmal auch gegenĂŒber Fremden und teilweise sogar durchgehend bis in die heutige Zeit ĂŒblich, insbesondere, wo man sich in unverfĂ€lschtem Dialekt anredet. In StĂ€dten und in Neubaugebieten ist aber Duzen inzwischen auch in weiten Teilen des Freizeitbereichs, insbesondere bei sportlichen AktivitĂ€ten, verbreitet. Im Golfclub oder auf traditionellen Betriebsfeiern wird manchmal ein Tages-Du vereinbart, bei dem die vertrauliche Anrede gleichsam ab dem nĂ€chsten Arbeitstag wieder nicht mehr angewendet wird, ein Usus und eine EinschrĂ€nkung, die wohl derzeit abnimmt. In gröĂeren Betrieben, wo sich auch der Betriebs- oder Firmenleiter duzen lĂ€sst, erfolgt die Anrede im öffentlichen Raum oder bei Formalien (z. B. Betriebsversammlung) aber unter UmstĂ€nden stillschweigend wechselseitig in der Sie-Form.
Ăffentlich unter Beobachtung steht die Verwendung oder Nichtverwendung des Duzens bei Parlamentariern und Regierungsmitgliedern von Bund und LĂ€ndern bzw. Kantonen, wenn sie im Fernsehen auftreten. WĂ€hrend sich Mitglieder einer Regierung in der Schweiz und wohl auch Ăsterreich hĂ€ufig bis weitgehend duzen und damit auch die KollegialitĂ€t demonstrieren, ist dies in Deutschland ĂŒberwiegend nur innerhalb Parteien (oder enger ParteiverbĂŒnde), und auch dort nicht durchgehend, zu beobachten bzw. es wird nur im nicht-öffentlichen Raum (gleichsam heimlich) gepflegt. Einen offensiven Weg gehen im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts auch im deutschen Sprachraum erkennbar viele Konzerne und andere groĂe Institutionen, in denen die Mitglieder der FĂŒhrungsriege wechselseitig in Statements oder VortrĂ€gen mit dem Vornamen bezeichnet werden, analog den heutigen angelsĂ€chsischen Gepflogenheiten, wodurch Geschlossenheit, Harmonie und Corporate Identity nach innen und auĂen gestĂ€rkt werden sollen.
Eine erste Welle der Ausbreitung des Duzens und ZurĂŒckdrĂ€ngen des Siezens in Deutschland erfolgte um 1970 und in den Jahren danach. Eines der auffĂ€lligsten Merkmale war der Ăbergang zum allgemeinen Duzen unter allen Studenten, das zuvor in Deutschland nicht ĂŒblich war. In den 1980er Jahren beobachtete man bei mehreren empirischen Untersuchungen eine Art Stillstand in der öffentlichen und universitĂ€ren Ausbreitung des Duzens, teilweise auch eine leichte Gegenbewegung. Eine neuerliche Ausbreitung startete ungefĂ€hr ab der Jahrtausendwende und erreichte im zweiten Jahrzehnt des Jahrtausends auch Betriebsbelegschaften und Institutionen. Auch Aufrufe, Reklametexte oder Anleitungen wenden sich (wieder) vermehrt in âduâ-Form an erwachsene Verbraucher, wobei dies auch als Mittel zur Steigerung der Aufmerksamkeit dienen kann und in dieser Funktion auch schon in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts punktuell eingesetzt worden ist. An der UniversitĂ€t duzen sich seit ungefĂ€hr der Jahrtausendwende auch in Deutschland vermehrt Professoren untereinander (in der Schweiz generell schon lĂ€nger). Aber auch Duzen zwischen den Lehrenden und den ihnen direkt anvertrauten Studenten (etwa ab Bachelor- oder Masterarbeit) nahm zu, wenngleich regional und vor allem zwischen den verschiedenen Fachgebieten recht unterschiedlich ausgeprĂ€gt. Das Duzen mit Vornamennennung erfolgt heutzutage vielfach spontan und teilweise in Anlehnung an angelsĂ€chsische Normen, wo allerdings historisch-grammatikalisch eine Kombination von Vornamennennung und einer tradierten Höflichkeitsform, des you (sprachgeschichtlich aus euch entstanden) vorliegt. Ein zunehmender universitĂ€rer Vornamengebrauch erfolgt weniger forsch als teilweise in den 1970er Jahren und wird teilweise ĂŒber das Hamburger Sie eingeleitet. Auch eine partielle Asymmetrie kann auftreten: Dass der Dozent die Studenten duzt und mit dem Vornamen anredet, wĂ€hrend letztere ihn siezen und mit dem Nachnamen anreden, kann vorkommen und ist dann oft von den Studenten akzeptiert oder gewĂŒnscht.
Allein das Duzen bei mĂŒndlichen PrĂŒfungen gegenĂŒber solchen studentischen Kandidaten, die man auch im ĂŒbrigen Lehrbetrieb duzt, war in manchen deutschen BundeslĂ€ndern im 20. Jahrhundert zumindest offiziell nicht zulĂ€ssig, da eine solche Situation aus Juristensicht als Besorgnis zur Befangenheit interpretiert werden konnte.cite-ref-11[11] In der deutschsprachigen Schweiz, wo auch schriftliche Klausuren an UniversitĂ€ten hĂ€ufiger in der Du-Form formuliert werden, gab es diese Besorgnis nicht. Heute ist das Duzen der Kandidaten oder zumindest deren Anrede mit dem Vornamen auch etwa in Disputationen (DoktorprĂŒfungen) in vielen FĂ€chern an bundesdeutschen UniversitĂ€ten Usus, sofern dieselben Personen sich auch auĂerhalb dieses akademischen Rahmens duzen.
Sowohl innerhalb der Geschichte des bundesdeutschen Sprachgebiets als auch im internationalen Vergleich singulĂ€r ist die stark zunehmende und alle gesellschaftlichen Schichten betreffende VerdrĂ€ngung der Höflichkeitsform durch das âșDuâč, die inzwischen auch Kreditinstitutecite-ref-12[12]cite-ref-13[13], Konzernecite-ref-14[14]cite-ref-15[15] und den öffentlich-rechtlichen Rundfunkcite-ref-16[16] erfasst hat. Sie korrespondiert unter anderem der Ausbreitung des âșHalloâč, das eigentlich ein bloĂer Zuruf und kein GruĂ, geschweige denn eine Anrede ist,cite-ref-17[17] aber mitunter selbst im formellen Schriftverkehr begegnet. Im Gegensatz etwa zur sogenannten geschlechtergerechten Sprache sind diese Entwicklungen nicht Gegenstand einer öffentlichen Debatte. Spontanes und unerwartetes Duzen kann je nach Situation und GesprĂ€chsinhalt vom Adressaten als Takt- und Distanzlosigkeit, als BelĂ€stigung und Beleidigung oder als AggressivitĂ€t aufgefasst werden. Zwar gibt es regionale Unterschiede, doch ist es mittlerweile verbreitet, dass sich jĂŒngere Personen bis etwa 30 Jahren gegenseitig in vielen Situationen duzen. In Diskussionsforen wird seit etwa 2010 auch zuweilen berichtet, dass man auf der StraĂe, in CafĂ©s oder in âKlamottenlĂ€denâ öfters geduzt werde, was wenige Jahre zuvor noch weitgehend unĂŒblich gewesen sei. Auch im Fernbus oder beim Friseur und im Kosmetiksalon wird vermehrt geduzt. Manchmal kann die Richtung eines zunĂ€chst asymmetrisch eröffneten Duzens sogar umgekehrt zur bisherigen Lebenserfahrung erfolgen, indem selbst junge Personen Ă€ltere GĂ€ste z. B. in informell gefĂŒhrten Restaurantbetrieben duzen. Ob sich diese Tendenz fortsetzt und sich die Zunahme des Duzens und der Vornamen-Adressierung und dadurch auch ohne die Honorifica âHerrâ und âFrauâ der Situation in skandinavischen und angelsĂ€chsischen LĂ€ndern angleicht oder ob es bald wieder einen Stillstand oder gar Gegenbewegungen gibt, lĂ€sst sich nicht abschĂ€tzen, da in historischen Sprachwandelprozessen beide Arten von Tendenzen aufgetreten sind.
Regionale und kulturelle Besonderheiten
In den deutschsprachigen Teilen der Schweiz wird bei FreizeitaktivitÀten, in Vereinen und vielfach auch unter Nachbarn hÀufig bei der ersten Begegnung ohne vorherige Vereinbarung spontan geduzt. Mittlerweile werden auch in vielen Schweizer Unternehmen alle, gegebenenfalls mit Ausnahme der obersten Vorgesetzten, geduzt.
Beim Schweizer MilitĂ€r ist allgemeines Duzen ebenfalls verbreitet bis ĂŒblich. Dies soll den Korpsgeist fördern und den Grundgedanken der Milizarmee als Volksheer unterstreichen. Allerdings werden die militĂ€rischen Formalien, insbesondere beim An- und Abmelden, eingehalten. In den Schweizer Alpen gibt es lĂ€nger die Tradition, dass in Seilschaften und generell ab einer Höhe von 3000 Metern Förmlichkeiten sowohl beim MilitĂ€r als auch unter Zivilpersonen wegfallen und man zum Du ĂŒbergeht. Ein entsprechender Usus soll in Ăsterreich schon ab 1000 oder 2000 m gelten.
Beim österreichischen Bundesheer kommt es mittlerweile öfter vor, dass Chargen und Unteroffiziere nach Ende der Grundausbildung den Grundwehrdienern das Du anbieten und im tĂ€glichen Dienstbetrieb dann, je nach Situation in einem bestimmten AusmaĂ, eher kumpelhafte Umgangsformen vorherrschen. Es ist im Bundesheer verboten, dass Vorgesetzte die Untergebenen ohne deren Zustimmung einseitig duzen.
Eine auffĂ€llige Verwendung des Duzens kann man in manchen Feriengebieten finden, wo ein Tourismus-Du gezielt gegenĂŒber GĂ€sten eingesetzt wird. Bekannt ist es vom Zillertal im Tirol und von Bad Aussee in der Steiermark, doch kommt es auch in anderen alpinen Regionen vor. Dieses Du soll aus Sicht der Anwender als besonders wertschĂ€tzende Anrede interpretiert werden, das ein GefĂŒhl der Zusammengehörigkeit vermitteln soll. Innerhalb mancher Ferienclubs sowie gesellschaftlichen oder sportlichen Gruppierungen, z. B. Ski- oder Tauchschulen, ist Duzen ohnehin zwischen allen Beteiligten ĂŒblich.
Unsicherheiten im Umgang mit der korrekten pronominalen Anrede im Deutschen entstehen unter anderem dort, wo ein unmittelbarer Kontakt und Austausch zu Nachbarsprachen auftritt. Vor den starken fremdsprachlichen Immigrationswellen in den deutschen Sprachraum ab den 1960er Jahren waren die Kontaktsprachen vor allem die Grenzregionen zum Französischen (in der Schweiz und in Luxemburg), zum Italienischen und RĂ€toromanischen (in der Schweiz), zum FlĂ€mischen (in den deutschen Sprachregionen Belgiens), zum Friesischen (v. a. in Teilen Schleswig-Holsteins), zum Westslawischen (Sorbischen) in der Lausitz und zum SĂŒdslawischen und Ungarischen in Randgebieten Ăsterreichs. Im Bereich des Niederrheins besteht im KleverlĂ€ndischen (NordniederfrĂ€nkischen) sogar ein Dialektkontinuum zwischen deutschen und niederlĂ€ndischen Idiomen. Viele Sprecher dieser Nachbarsprachen oder Minderheitensprachen sind zwar zweisprachig aufgewachsen (z. B. alle friesisch und rĂ€toromanisch sprechenden Bewohner), doch herrschen naturgemÀà dennoch öfters Unsicherheiten in der Wahl der richtigen Anrede. Die jeweils ĂŒber die andere Sprache mitgebrachten Gewohnheiten sind oft schwer abzulegen oder anzupassen. Französischsprachige Schweizer sind, Ă€hnlich den Franzosen, eher etwas zurĂŒckhaltender im Duzen als Deutschschweizer. RĂ€toromanen kennen zwar einen Unterschied zwischen Duzen und Siezen, aber bei der BegrĂŒĂung wird dies traditionell nicht durch die Unterscheidung von Vor- oder Nachnamennennung vorgenommen, sondern durch die Form des mehr oder weniger formalen GrĂŒĂens: Allegra (sinngemÀà fĂŒr âguten Tagâ) mit Vornamennennung bei eher ferner stehenden Personen, chau (etwa dem heutigen 'hallo' entsprechend, ausgesprochen tschau, aber nur fĂŒr enge Bekannte verwendbar) mit Vornamennennung bei Nachbarn und Freunden. Nachnamennennung ist unĂŒblich; selbst die Lehrer werden im Engadin von den SchĂŒlern mit Vornamen angesprochen: Bun di, duonna Ladina; Buna saira, sar Claudio (âGuten Tag, Frau Ladina.â âGuten Abend, Herr Claudio.â [Ladina und Claudio sind Vornamen]).cite-ref-18[18]
Seit den 1960er Jahren bis 2016 sind rund 15 Millionen Menschen in das deutsche Sprachgebiet immigriert (Zahl abhĂ€ngig von der Definition), die oft zweisprachig leben, hĂ€ufig aber primĂ€r in ihrer angestammten Muttersprache und -kultur sprechen, denken, fĂŒhlen und handeln. ZusĂ€tzlich finden sich insbesondere in den Sommermonaten zahlreiche internationale Touristen im deutschen Sprachraum. Aufgrund des derzeitigen Wandels in den pronominalen Anredegepflogenheiten im deutschen Sprachraum ist es fĂŒr Fremdsprachler besonders schwer, zu erkennen, ob in einer speziellen Situation eher Siezen oder Duzen angebracht ist, zumal die Praxis teilweise vom ehemals erlernten Gebrauch abweicht.cite-ref-19[19] HĂ€ufig sind gerade gebildete Fremdsprachler anfĂ€nglich zurĂŒckhaltend in der direkten Anwendung des Du, bis es ihnen angeboten wird oder sie den Usus in ihrem jeweiligen Umfeld verstehen, andererseits drĂŒcken sich Integrationsschwierigkeiten oder kulturelle Unterschiede auch in Form des allgemeinen Duzens, auch Fremden gegenĂŒber, aus. Unsicherheiten rĂŒhren teilweise auch daher, dass es in verschiedenen Kulturen und Sprachen, so im Arabischen, ĂŒblich ist, Personen zwar generell in einer höflichen Form und vielfach auch mit einem Titel anzureden, jedoch allgemein den Vornamen zu verwenden.
Verwendung des Du in der Bedeutung von man
Regional wird das Pronomen du im informellen mĂŒndlichen Umgang auch im Sinne von man verwendet, auch dann wenn der Sprecher (aus seiner Sicht) Hochsprache und damit die Standardsprache verwendet. Ein gesiezter GesprĂ€chspartner, der mit der Verwendung des Du als Indefinitpronomen nicht vertraut ist, kann sich dabei auf einmal geduzt vorkommen, etwa im folgenden Satz eines KĂŒnstlers: âSobald du auf der BĂŒhne stehst, ist dein Lampenfieber verschwunden.â Dieses im ganzen oberdeutschen Dialektraum auftretende PhĂ€nomen hat offensichtlich in vergangenen Jahrzehnten in der mĂŒndlichen Standardsprache zugenommen und mag unbewusst die Verwendung des englischen you fĂŒr deutsch man nachahmen oder aber eine (bewusste oder unbewusste) Auflockerung des distanzierten Siezens intendieren. Ein beidseitig derartig indefinit verwendetes Du kann im Verlauf des GesprĂ€chs auch zum bewussten wechselseitigen Duzen fĂŒhren.
ĂbergĂ€nge zwischen Sie und Du
Situativ tritt Duzen auch zwischen Personen auf, die einander nicht persönlich kennen, so bei aggressiven Verhaltensmustern (âPass doch auf!â), bei Gefahrendrohung (âHalt dich fest!â) und innerhalb Freizeit- und Sub-Kulturen, ferner in zunehmend mehr Betrieben. Letzteres betraf ehemals vor allem Arbeiter untereinander sowie die Belegschaft von Betrieben mit intensivem Kontakt zum angelsĂ€chsischen Sprachraum, wie amerikanische Zweigstellen. Inzwischen gilt es aber auch etwa fĂŒr Eisenbahnpersonal, das sich bei den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) anlĂ€sslich einer internen Umfrage 2014 mit groĂer Mehrheit fĂŒr ein allgemeines Duzen ausgesprochen hat, da es Zusammenarbeit und Wir-GefĂŒhl fördere,cite-ref-20[20] wobei aber kein Druck ausgeĂŒbt wird auf Personen, die sich dem Usus (noch) nicht anschlieĂen möchten.
WĂ€hrend der Ăbergang vom Sie zum Du von Ălteren frĂŒher und teilweise noch heute ĂŒber ein ritualisiertes BrĂŒderschaft trinken (in Ăsterreich auch âBruderschafttrinkenâ, in der Schweiz âDuzis machenâ) ablief oder ablĂ€uft (kombiniert mit dem Trinken eines meist alkoholischen GetrĂ€nks und mit weiteren Gesten), gehen JĂŒngere oder Belegschaften ĂŒblicherweise sofort zum Du ĂŒber oder erklĂ€ren knapp âWir sagen âduâ zueinanderâ oder auch âIch heiĂe âŠâ. Spontan-Duzen beobachtet man auch in Kneipen, Bars und Restaurants (vor allem dort, wo viele jĂŒngere Leute verkehren), bei FreizeitaktivitĂ€ten sowie je nach Situation gelegentlich auch auf Festen und auf der StraĂe. In Chat- und Kommentar-Foren, wo man den Echt-Namen, das Alter und die Stellung des Kommunikationspartners oft gar nicht kennt, ist das Duzen mehr oder weniger von Anfang an ĂŒblich und selbstverstĂ€ndlich gewesen, wobei es einige Ausnahmen gibt. Ansonsten ist im schriftlichen Internetverkehr (E-Mail, SMS, WhatsApp und in Ă€hnlichen Instant-Messaging-Diensten) die gleiche Ausdrucksweise ĂŒblich wie in der sonstigen Kommunikation, zumal man sich dort, im Gegensatz zu Chat-Foren, auch meist persönlich kennt: Anreden entfallen vielfach, am seltensten noch in E-Mails, wo das Weglassen von Anrede und GruĂformel im deutschen Sprachraum zumindest bislang als etwas salopp gilt.
Wenn im gesellschaftlichen Umfeld das Angebot bzw. die Aufforderung zum Duzen, unabhĂ€ngig davon, ob ritualisiert oder durch einfache ErklĂ€rung, von einem Rangniederen oder einem JĂŒngeren ausgeht, wird dies von Ă€lteren oder traditioneller eingestellten Adressaten gelegentlich als unpassend empfunden; eine Beleidigung im rechtlichen Sinne ist es allerdings nicht. Auch eine RĂŒckkehr zum Siezen, auf dem einer der beiden gegebenenfalls nach einiger Zeit besteht, gilt nicht als Beleidigung, wird aber hĂ€ufig vom GegenĂŒber als Affront empfunden, wenn das Duzen nicht von vornherein als zeitlich und örtlich begrenzt bezeichnet wurde. Ein derartiges (heutzutage wohl eher in Deutschland als in Ăsterreich und der Schweiz und eher unter Ălteren als JĂŒngeren auftretendes) ZurĂŒckkehren zum Siezen soll eine nunmehr (wieder) gewĂŒnschte Distanz ausdrĂŒcken und eine Person fortan aus dem Kreis der Vertrauten ausgrenzen oder auch signalisieren, dass man keinen engeren Kontakt mehr pflegen möchte. Das Sie ist in diesem Falle kein Höflichkeits-Sie, sondern ein Distanz- oder Aversions-Sie. Einfordern lĂ€sst sich diese RĂŒckkehr zum Siezen wohl allerdings kaum mit rechtlichen Mitteln, höchstens mit sozialen ĂŒber gezielte Ausgrenzung.
Duzen im Gottesdienst
Im Deutschen werden in Gebet und Predigt Gott, Jesus, der Heilige Geist und alle Heiligen mit der 2. Person Singular angesprochen. Auch die Bibelausgaben sind entsprechend verfasst und folgen hiermit der in den Urtexten (hebrĂ€isch, aramĂ€isch, griechisch) verwendeten grammatischen Form. In manchen anderen modernen Sprachen hat sich diesbezĂŒglich ein Wandel vollzogen: Das traditionelle religiöse âthouâ des Englischen, das zwar im Standardenglischen faktisch verschwunden, aber in etlichen englischen Dialekten noch verbreitet ist, hat in modernen BibelĂŒbersetzungen hĂ€ufig (wenngleich nicht bei allen Konfessionsrichtungen) der 2. Person Plural (âyouâ) weichen mĂŒssen. Allerdings wird dieses von Angelsachsen Ă€hnlich einem ehrenden deutschen Du empfunden. Ein Ă€hnlicher Prozess ist im NiederlĂ€ndischen schon vor lĂ€ngerer Zeit abgelaufen, indem das in dieser Sprache völlig verschwundene Du durch âUâ und das Dein durch âUwâ (âEuerâ) ersetzt worden ist. Im Folgenden die englische und die niederlĂ€ndische Version der jeweils ersten drei Verse des Vaterunser in der heute ĂŒblichen 2. Person Plural:
Englisch gemÀà der English Language Liturgical Consultation von 1988:
Our Father in heaven,
hallowed be your name,
your kingdom come.
NiederlÀndisch:
Onze vader die in de hemel zijt,
Uw naam worde geheiligt,
Uw rijk kome.
Im praktischen Gottesdienst kann im deutschen Sprachraum spontanes Duzen wechselseitig auch gegenĂŒber Fremden vorkommen, so in der katholischen Liturgie mit dem Banknachbarn. Asymmetrisches Duzen findet sich traditionell in der Ohrenbeichte, bei der ein Beichtvater auch ihm unbekannte GlĂ€ubige duzen kann. Auch bei Trauungen duzt der (evangelische oder katholische) Pfarrer hĂ€ufig das Brautpaar mit âWillst duâŠ?â In beiden FĂ€llen scheint das asymmetrische Duzen eher rĂŒcklĂ€ufig zu sein. GegenĂŒber der EinfĂŒhrung eines allgemeinen Duzens zwischen Pfarrer und seinen Gemeindemitgliedern (gemÀà der grammatischen Form, in der auch Jesus mit seinen JĂŒngern gesprochen hat) sind die Meinungen der Geistlichen unterschiedlich; es tritt wohl weiterhin eher selten auf. Im Religionsunterricht ist es Ă€hnlich wie im Schulunterricht, d. h. der Pfarrer duzt ĂŒblicherweise z. B. die Konfirmanden, die in Deutschland bis 14, in der Schweiz bis 15 oder 16 Jahre alt sind; aber auch das wechselseitige Duzen kommt vor.
Duzen als Affront, Unhöflichkeit und Beleidigung
Eine nach traditionellen Normen falsche, d. h. gesellschaftlich nicht sanktionierte oder wechselseitig nicht einvernehmliche Verwendung des Du gegenĂŒber einer erwachsenen Person kann vom GegenĂŒber akzeptiert werden, so etwa dann, wenn der oder die Angesprochene, obwohl erwachsen, deutlich jĂŒnger ist. Es kann auch als positiv gewertet werden, so insbesondere von jĂŒngeren Leuten, die als GegenĂŒber oft ebenfalls sofort zum Du ĂŒbergehen, oder aber auch von einer Person, die dies als Kompliment ihrer noch relativ jugendlichen Erscheinung interpretiert. Es kann aber auch als Unhöflichkeit und Affront gewertet und im Falle einer Anzeige des Angesprochenen rechtlich als Beleidigung gewertet werden. Dies kann, speziell in Deutschland, auch heute noch obrigkeitsrechtliche StrafmaĂnahmen nach sich ziehen, insbesondere bei Anwendung gegenĂŒber Amtspersonen. Medial bekannt geworden sind die FĂ€lle einer NĂŒrnberger Marktfrau (Gunda) im Jahre 1976cite-ref-21[21] und eines Autofahrers im Bodenseegebiet im Jahre 1987, die Polizisten in der 2. Person Singular angesprochen haben und hierfĂŒr erhebliche Strafen erhalten haben. Der Hinweis auf das allgemeine Duzen im eigenen Dorf, gegenĂŒber Gott in der Kirche sowie in zahlreichen LĂ€ndern der Erde half argumentativ nicht.cite-ref-22[22]
Allerdings fĂŒhrt es im 21. Jahrhundert wohl vor allem dann noch zu Konsequenzen, wenn andere Elemente unpassender Wortwahl hinzukommen, insbesondere beleidigende KraftausdrĂŒcke. In der Praxis der Rechtsprechung wird dem gesellschaftlichen Wandel mit der Lockerung der Konventionen des 19. und 20. Jahrhunderts und einer gewissen ZĂŒgellosigkeit der Allgemeinsprache und auch den regional und soziologisch unterschiedlichen Gepflogenheiten Rechnung getragen. So hat 2006 das Hamburger Landgericht das Duzen eines Polizeibeamten durch den Musiker Dieter Bohlen nicht als Beleidigung eingestuft, da dieser âaugenscheinlich ein gleiches Verhalten bei öffentlichen Auftritten an den Tag legeâ; man könne daher in diesem Fall das Duzen von Polizisten ânur als Unhöflichkeit ohne ehrverletzenden Inhaltâ werten.cite-ref-23[23] Inzwischen scheinen, soweit Diskussionsforen und zufĂ€llige O-Ton-Medienberichte entsprechend interpretiert werden dĂŒrfen, je nach Situation auch Polizeiorgane, etwa Polizistinnen gegenĂŒber hilfesuchenden jĂŒngeren Passantinnen, gelegentlich die Du-Form zu verwenden.
GroĂ- und Kleinschreibung
Das Du und seine abgeleiteten Formen (dir, dich, dein usw.) dĂŒrfen nach der letzten Rechtschreibreform fĂŒr die deutsche Sprache klein- oder groĂgeschrieben werden, wenn der Autor selbst den Leser persönlich anspricht, wie etwa in Briefen oder direkten Mitteilungen anderer Art. In allen anderen Textformen, beispielsweise Werbeplakaten, ErzĂ€hlungen etc., ist nur die Kleinschreibung erlaubt.cite-ref-24[24]
âą âWo wirst Du Deinen Urlaub verbringen, um Dich zu erholen?â Alternativschreibweise: âWo wirst du deinen Urlaub verbringen, um dich zu erholen?â
Anrede mit Sie
Die Verwendung des aus der dritten Person Plural entlehnten Pronomens Sie ist die heutzutage weiterhin ĂŒblichste Form der Anrede gegenĂŒber Fremden in der deutschen Standardsprache. Insbesondere im formalen GeschĂ€ftsbereich wird es auch von jĂŒngeren Leuten wechselseitig gepflegt. Warum es im Deutschen zu dieser ungewöhnlichen und grammatikalisch âunpersönlichâ wirkenden Anredeform mittels der 3. Person Plural gekommen ist (die sich in schriftlicher Form zusĂ€tzlich durch GroĂschreibung abhebt), wĂ€hrend die meisten anderen europĂ€ischen Sprachen die 2. Person Plural oder aber die 3. Person Singular als Höflichkeitsform und Anredeform gegenĂŒber Fremden verwenden und teilweise auch keine GroĂschreibung verwenden, ist nicht schlĂŒssig zu erklĂ€ren. Es dĂŒrften komplexe gesellschaftliche Strömungen, Nachahmungen und Abgrenzungen eine wesentliche Rolle gespielt haben, die diese pronominal distanzierteste Anredeweise gegenĂŒber Einzelpersonen im 18. und frĂŒhen 19. Jahrhundert in der mĂŒndlichen und schriftlichen Standardsprache herbeigefĂŒhrt haben. UrsprĂŒnglich sollte das Sie wohl allerhöchste Höflichkeit und Respekt bekunden. Der bewusste Gebrauch als Distanz-Sie, der persönliche Distanz oder gar Abkehr und Desinteresse signalisieren soll, dĂŒrfte sekundĂ€r entstanden sein. Durch die Mehrfachfunktion ist die heutige praktische Verwendung komplex und auch inkonsistent und vielleicht einer der GrĂŒnde, warum Siezen derzeit tendenziell eher zurĂŒckgeht.
Grammatikalisch wird das Höflichkeits-/Distanz-Sie genau wie das sie der 3. Person Plural eingesetzt und dekliniert. Es wird auch in abgeleiteten Formen und auch nach der letzten Rechtschreibreform groĂgeschrieben. Hiermit soll weiterer Respekt gegenĂŒber dem Angeschriebenen zum Ausdruck gebracht werden und zusĂ€tzlich wenigstens in der schriftlichen Form eine Unterscheidung zwischen Höflichkeits-Anrede und echten Pluralformen ermöglicht werden. Denn die heutige Anredeform hat bezĂŒglich der VerstĂ€ndlichkeit zumindest zwei Nachteile, die beim Ăbergang von anderen Höflichkeitsformen gleichsam bewusst in Kauf genommen wurden: Ein erster Nachteil im Sinne einer verringerten Eindeutigkeit durch das Siezen ist, dass sich die Anrede zu einer oder zu mehreren Personen grammatikalisch nicht mehr unterscheiden lĂ€sst, so dass sich etwa das Folgende auf eine oder mehrere Angeredete einer Gruppe beziehen kann:
âą âWohin gehen Sie?â
Ein zweiter Nachteil ist, dass manche SÀtze in der geschriebenen Form eindeutig, gesprochen aber missverstÀndlich in der Aussage sind, was in der Praxis relativ oft vorkommt:
âą âIst heute ihr Geburtstag?â (Frage an eine Mutter, ob heute der Geburtstag ihrer Tochter sei).
Ohne ergĂ€nzende ErlĂ€uterung oder Umschreibung versteht man den mĂŒndlich gesprochenen Satz eher als Frage, ob heute der Geburtstag der Mutter sei. Bei Verwendung der Ihr-Form als Höflichkeitsform trĂ€te nur das erste MissverstĂ€ndnis auf, bei Verwendung der Du-Form keines der beiden MissverstĂ€ndnisse.
Die Verwendung des Sie korrespondiert bei der BegrĂŒĂung im Deutschen traditionell mit der Verwendung des Nachnamens fĂŒr die entsprechende Person, gegenĂŒber jĂŒngeren Erwachsenen allerdings auch öfters mit der Verwendung des Vornamens (Hamburger Sie). Eine Kombination von Höflichkeitsform und Vornamen ist in etlichen anderen Sprachen verbreiteter als im Deutschen.
Anrede mit ihr
GegenĂŒber Gruppen
Das Ihr ist die normale Form der Anrede von Personengruppen in der 2. Person Plural. Es wird immer dann verwendet, wenn man Gruppen anspricht, deren einzelne Mitglieder man ansonsten duzen wĂŒrde. Bei der Ansprache vor einer Gruppe wird im korrekten Standarddeutschen auch dann gesiezt, wenn man einen Teil oder gar fast alle in der Gruppe ĂŒblicherweise duzt. Konstruktionen wie âIhr und Sieâ klingen ĂŒbertrieben formell bis umstĂ€ndlich. Speziell in Teilen des Oberdeutschen (z. B. in der Schweiz) ĂŒberwiegt in diesem Falle die âihrâ-Form in der Anrede auch im Hochdeutschen.
âą âIhr seid zu spĂ€t.â âIch habe euch nicht gesehen.â âBringt bitte eure Taschen mit.â
GegenĂŒber Einzelpersonen
Das Ihr gegenĂŒber einzelnen Personen (Ihrzen) ist standarddeutsch eine veraltete Form der Anrede. Auf dialektaler Ebene kommt sie heute noch in ein paar Regionen vor. Das Ihr gegenĂŒber Einzelpersonen wird grammatikalisch wie das Ihr gegenĂŒber Gruppen verwendet, jedoch in der schriftlichen Form stets groĂgeschrieben, analog dem Sie als Höflichkeitsform.
In einigen Deutschschweizer Regionen (besonders prĂ€gnant im Berndeutschen, im Walliserdeutschen und im Freiburgischen, aber auch darĂŒber hinaus), in den Eifeler Mundarten und im MoselfrĂ€nkischen (auch in Luxemburg) ist nicht âSieâ, sondern nach wie vor âIhrâ die ĂŒbliche Höflichkeitsform.cite-ref-25[25] Personen, die mit beiden Varianten aufgewachsen sind, empfinden die Verwendung der Ihr-Form als etwas weniger distanziert und unpersönlich. Auch in Varianten des Niederdeutschen wird Ihrzen verwendet. Das Ihrzen findet sich anstelle des Siezens auch in Sprachinseln, die in vielerlei Hinsicht Ă€ltere Konventionen aufrechterhalten haben, etwa bei den Wolgadeutschen und Kasachstandeutschen vor.
Das Ihr als Pars-pro-toto-Bezeichnung
Im sĂŒd- und westdeutschen Sprachraum (bekannt vom OstfrĂ€nkischen, Bairischen, Alemannischen (einschlieĂlich des ganzen Schweizerdeutschen), Ripuarischen, WestfĂ€lischen, Hessischen und MoselfrĂ€nkischen) werden vielfach Personen, die stellvertretend fĂŒr eine gröĂere Gruppe oder eine Institution stehen (beispielsweise eine Kellnerin, die gleichsam das komplette Gasthaus reprĂ€sentiert) mit Ihr angesprochen. Die Person steht dabei in einer Pars-pro-toto-Funktion. Sie wird zwar als einzelne Person angesprochen, aber der Fragende erwartet eine Antwort fĂŒr die gesamte reprĂ€sentierte Einheit, die aus mehreren bis vielen Individuen besteht. Hier hat die 2. Person Plural (ihr) funktionell die Mehrzahl-Funktion der Höflichkeitsform ĂŒbernommen, die ansonsten bei Verwendung der 3. Person Plural (Sie) nicht von der Einzahlform zu unterscheiden wĂ€re. Formal korrektes Standarddeutsch wĂ€re allerdings auch in diesem Falle die Verwendung der Sie-Form, gegebenenfalls mit einer ergĂ€nzenden ErlĂ€uterung, wer alles gemeint sei.
Anrede mit Er bzw. Sie
Eine frĂŒher standardsprachlich verbreitete Form der Anrede war die Verwendung der 3. Person Singular, also Er gegenĂŒber MĂ€nnern oder Sie gegenĂŒber Frauen. Diese nach der Rechtschreibreform von 1996 stets groĂgeschriebene Anredeform wird zuweilen als Erzen bezeichnet (die Bezeichnung Siezen fĂŒr die weibliche Variante ist nicht ĂŒblich, da missverstĂ€ndlich). UrsprĂŒnglich die höchste Form der Höflichkeit, redeten nach der allgemeinen Verbreitung des pluralen Sie im 18. Jahrhundert vielfach Vorgesetzte ihre Untergebenen oder Standeshöhere die Standesniederen an. Es galt teilweise um eine Stufe höflicher als das Ihr und wurde z. B. gegenĂŒber Bediensteten angewandt, die hierarchisch etwas höher standen als die ĂŒbrigen Bediensteten, oder gegenĂŒber Handwerksmeistern.cite-ref-26[26] Es konnte allerdings, je nach Situation, auch als leicht âvon oben herabâ wirkend interpretiert werden. Bis heute existiert diese Anrede umgangssprachlich als Berliner Er in Berlin, Brandenburg, der Lausitz und in Mecklenburg, kommt aber auch in anderen Dialekten gelegentlich vor (im folgenden zwei literarische Beispiele):
âą âIch erlasse Ihm seine Schuld.â
âą âNenne Sie mir bitte Ihren Namen.â
In weiblicher Form (Sie als 3. Person Singular gegenĂŒber Frauen) kommt die Anrede heute wohl kaum noch vor.
Anrede mit Wir
Auf das Wir als Anredeform trifft man gelegentlich, wo eine gewisse NĂ€he zwischen Betreuer und Betreutem suggeriert werden soll (Eltern gegenĂŒber Kind, Arzt gegenĂŒber Patient, Grundschullehrer gegenĂŒber SchĂŒlern). Diese salopp auch als Krankenschwestern-Wir bezeichnete Anredeform wirkt im Standarddeutschen leicht humorig oder babysprachig, ist aber z. B. im SĂ€chsischen anstelle des Sie als Anredeform bei Unbekannten durchaus verbreitet. Formal-grammatisch erscheint es wie die 1. Person Plural, schlieĂt jedoch den Sprecher nicht mit ein, sondern meint nur den oder die Angesprochenen.
âą âWie geht es uns denn heute?â (Arzt oder Krankenschwester zum Patienten)
âą âDa haben wir uns ja wieder eine tolle Ausrede einfallen lassen!â (Lehrer zum SchĂŒler),
Die âWirâ-Form kann aber auch als rhetorische Figur eingesetzt werden, um einen leichten Vorwurf, Ironie oder Sarkasmus anzubringen.
âą âWas haben wir uns denn dabei gedacht?â (Chef zum Angestellten anlĂ€sslich eines leicht vermeidbaren oder peinlichen Vorfalls)
SchlieĂlich gibt es das vielfach als stilistisches Element eingesetzte Autoren-Wir. Dieses meint entweder tatsĂ€chlich Autor und Zuhörer, die gleichsam in ein gemeinsames Erlebnis einsteigen:
âą âWie wir sehen âŠâ oder âWas will uns das sagen?â
oder es meint den Autor selber, der aber ein egozentrisch klingendes âichâ vermeiden will und stattdessen ein sanfter klingendes âwirâ wĂ€hlt:
âą âAuf diesen Aspekt wollen wir hier nicht eingehen âŠâ
Nicht-pronominale Anrede
Eine korrekte Anrede ist auch ohne Verwendung eines Pronomens möglich, wenngleich in der heutigen Zeit im Deutschen eher unĂŒblich oder auf Spezialsituationen beschrĂ€nkt. Es wird dann ersatzweise ein Honorificum, im Normalfall das Begriffspaar der Herr und die Dame, verwendet, bei TiteltrĂ€gern auch der entsprechende Titel.
Ein Beispiel fĂŒr die Verwendung einer nicht-pronominalen Anrede, lediglich mit einem milden Honorificum, ist das folgende Beispiel aus dem Niederalemannischen:
âą âWill dr Her usschtiege?â = âMöchte der Herr aussteigen?â fĂŒr âMöchten Sie aussteigen?â, traditionelles Baseldeutsch, von einer Frau zu einem Mann gesprochen.
Im Restaurant- und Kaffeehausbetrieb wird diese Form der Anrede aber wohl im ganzen deutschen Sprachraum gelegentlich von Bediensteten gegenĂŒber den GĂ€sten angewendet:
âą âWas trinkt der Herr?â, âMöchte die Dame bezahlen?â
Im Schwedischen war diese Art der höflichen Anrede bis ĂŒber die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus die ĂŒbliche und kommt in gewissen Situationen auch heute noch vor, teilweise sogar wieder ansteigend; vgl. Du-Reform.
Englischer Sprachraum
Im FrĂŒhneuenglischen um 1500 gab es noch die Formen thou (du) und ye (ihr), die Ă€hnlich wie in anderen Sprachen einerseits zur Unterscheidung von einzelnen oder mehreren Adressaten benutzt werden konnten, andererseits auch zur Unterscheidung von informeller Rede im familiĂ€ren und sonstigen persönlichen Umfeld von mehr förmlichen Anreden. Die entsprechenden Obliquus-Formen (= Ă€uĂerlich zusammen gefallene Akkusativ/Dativ-Formen) fĂŒr dir/dich und euch hieĂen thee und you. Auch Shakespeare unterschied zwischen thou (in der Anrede das vertraulichere âduzendeâ âduâ) und you (das höflichere âduâ: âIhrâ, ĂŒbersetzt auch âSieâ). Durch eine Bedeutungsverschiebung wurde das you zum Nominativ (ihr, Ihr) und verdrĂ€ngte spĂ€ter auch das thou aus der Standardsprache, das ab dem 17. Jahrhundert vielfach nur noch in abschĂ€tzigem Ton verwendet wurde und daher bald ganz verschwand, auĂer fĂŒr religiöse Inhalte und in einigen Dialekten. In modernen Pronominaltabellen wird you meist als 2. Person Singular und Plural Nominativ dargestellt, doch hat das Wort diese Funktionen erst etwa Ende des Mittelalters allmĂ€hlich angenommen, wobei es die ursprĂŒngliche Obliquus-Bedeutung euch parallel beibehielt und daher heute verschiedenes auszudrĂŒcken vermag, was jeweils nur aus dem Satzzusammenhang oder situativ erschlossen werden kann. You wird heute somit als generelles und nicht unterscheidendes Anredepronomen und als Objektpronomen gegenĂŒber jedermann und sowohl in der Ein- als auch Mehrzahl benutzt, wĂ€hrend das thou und teilweise auch seine abgeleiteten Formen, auĂer in der Sprache der QuĂ€ker, nur noch in Nord- und Westengland sowie auf den schottischen Orkneys und Shetlands aktiv und in der Bedeutung des deutschen âduâ verwendet wird. Standardsprachlich war thou bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts in der religiösen Sprache verbreitet, beschrĂ€nkt sich heute aber auf einzelne Gruppen und traditionelle Gebete und Formeln. Moderne BibelĂŒbersetzungen sind zu you ĂŒbergegangen (die Revised English Bible und die New Revised Standard Version 1989, die New American Standard Bible 1995).
Die heutzutage hĂ€ufige (aber durchaus nicht universelle) Verwendung des Vornamens unter Freunden, auf Kongressen und auf der StraĂe war zumindest in stĂ€dtischen Bereichen nicht immer so, sondern entwickelte sich verstĂ€rkt erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Allerdings haben sich dennoch Normen und Gepflogenheiten gehalten oder sekundĂ€r und als Ersatz eingebĂŒrgert. So wird der Unterschied zwischen der Anrede vertrauter Personen und der von Fernerstehenden durch Verwendung des Vornamens (vgl. das Hamburger Sie), des Nachnamens oder durch Verwendung oder Weglassen bestimmter Titel oder Funktionen indirekt ausgedrĂŒckt. Tritt man mit jemandem neu in förmlich-höflichen Kontakt, ist die Anrede mit Vor- und Nachnamen, auch im E-Mail-Verkehr, nicht unĂŒblich (âDear Ann Brownâ); schon in der Antwort oder aber ab der zweiten Korrespondenz wird man dann oft zur reinen Vornamensnennung ĂŒbergehen. StĂ€rker als im Deutschen gibt es auch unter Erwachsenen Beziehungen, in denen dauerhaft der eine beim Nachnamen und der andere beim Vornamen genannt wird.
Entsprechend den formellen Anreden mittels Herr und Frau im Deutschen wird Mister und Misâess vor den Nachnamen bei unvertrauter informeller Anrede verwendet. Bei straffen Hierarchien wie dem MilitĂ€r ist von unten nach oben die Anrede mit dem militĂ€rischen Rang verbreitet, zumindest aber die Anrede mit Sir bzw. Maâam. Der Grund, warum militĂ€rische Vorgesetzte gegenĂŒber Untergebenen stets auf dem an die Antwort angehĂ€ngten Sir bestehen (Yes, Sir), liegt darin, dass nur durch das AnhĂ€ngen oder Weglassen dieses AnhĂ€ngsels die hierarchische Beziehung erkennbar wird. Ansonsten entsprĂ€che die Anrede der zwischen Soldaten gleichen Ranges.
In Unternehmen der USA galt bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts, dass Mitarbeiter zwar sowohl die gleichrangigen oder tiefer stehenden Kollegen als auch den unmittelbaren Vorgesetzten mit Vornamen anredeten, die oberen Chefs eines Betriebs jedoch förmlich mit Nachnamen. Das hat sich im 21. Jahrhundert vielfach dahingehend weiter entwickelt, als sich alle Mitarbeiter, unabhĂ€ngig von ihrer Stellung und BeschĂ€ftigungsdauer, mit Vornamen anreden. Die Idee dabei ist, ein GemeinschaftsgefĂŒhl und ein familiĂ€res Umfeld mit positiven Auswirkungen auf die ProduktivitĂ€t zu schaffen.
Ărzte und andere medizinische FachkrĂ€fte sprechen ihre Patienten als fĂŒrsorgliche Geste durchweg mit dem Vornamen an, der in Deutschland ĂŒbliche Handschlag entfĂ€llt jedoch meist. Umgekehrt werden Ărzte, wenn sie sich nicht selbst mit dem Vornamen vorstellen, mit Titel und Nachnamen angesprochen.
In den Vereinigten Staaten ist es an UniversitĂ€ten und in Forschungsgruppen seit langem weitgehend ĂŒblich, dass sich Dozenten und Professoren unabhĂ€ngig vom akademischen Grad mit dem Vornamen ansprechen. Oft gilt das auch fĂŒr Studenten oberhalb des Bachelor, sollte aber nicht vorausgesetzt werden (formelle Ansprache, bis der Dozent den Vornamen anbietet; zum Teil sogar mĂŒndliche Ansprache mit dem Nachnamen, wenn der Vorname im Schriftverkehr angeboten wurde und umgekehrt). Studenten vor dem Bachelor hingegen reden Dozenten fast generell mit Nachnamen und meist auch Titel (âDoctor Soundsoâ) an; ist der Dozent nicht promoviert, wird er als âProfessor Soundsoâ angesprochen (professor ist die allgemeine Bezeichnung fĂŒr eine Lehrperson an der Hochschule, kein Titel). An manchen FakultĂ€ten erstreckt sich die formellere Nachnamens-Anrede gegenĂŒber Dozenten auch auf Studenten nach dem Bachelor, selbst wenn sie bereits jahrelang berufstĂ€tig waren und ein mittleres Alter erreicht haben: Sie sprechen dann die Dozenten und Professoren mit Titel und Nachnamen an, werden aber selbst mit dem Vornamen angeredet. Studenten untereinander sprechen sich mit dem Vornamen an, in aller Regel auch Studenten vor und nach dem Bachelor, wenn letztere als Lehrassistenten (âteaching assistantsâ, kurz TAs) Kurse leiten.
Von Kindern und jĂŒngeren Jugendlichen wird in den USA erwartet, dass sie Erwachsene, die nicht zur Familie oder zum engeren Freundesumfeld gehören, mit dem Nachnamen ansprechen. Dies gilt besonders fĂŒr die Anrede von Schullehrern und anderen AutoritĂ€tspersonen. Viele US-Amerikaner behalten diese Gewohnheit bis ins Erwachsenenalter bei und sprechen etwa auch die Lehrer ihrer Kinder mit dem Familiennamen an.
Bei der Synchronisierung von englischsprachigen wie auch von französischsprachigen Filmen ergeben sich wegen der unterschiedlichen Konventionen hinsichtlich der Anrede bisweilen Dialoge, die bei genauer Ăbersetzung ins Deutsche altertĂŒmlicher und steifer wirken als im Original. So ist schon ein angehĂ€ngtes Sir oder Maâam (Yes, Sir. Thank you, Maâam), welches gesellschaftliche Hierarchien sprachlich zum Ausdruck bringt, nicht leicht ins Deutsche zu ĂŒbertragen; am ehesten lĂ€sst sich Sir, wie das französische Monsieur, mit der Herr oder mein Herr, wiedergeben, Maâam oder Madam, wie das französische Madame mit gnĂ€dige Frau. Ferner siezen einander Personen eines Spielfilms bei Synchronfassung oft hartnĂ€ckig, verwenden aber gleichzeitig den Vornamen, was im Deutschen erstens selten und zweitens eher nur asymmetrisch, etwa gegenĂŒber Dienstpersonal oder bei starkem Altersunterschied, der Fall ist. In neueren Filmen oder bei der Wiedergabe von GesprĂ€chsrunden wird mittlerweile aber auch gelegentlich in die Du-Form ĂŒbersetzt, was auch der Ănderung der Gepflogenheiten im Deutschen Rechnung trĂ€gt. Möglicherweise liegt hier eine Wechselwirkung vor.
Französischer Sprachraum
Im Französischen werden Menschen, die keine Freunde oder enge Bekannte sind, in aller Regel mit der Höflichkeitsform angeredet (frz. vouvoyer, d. h. mit vous anreden, der 2. Person Plural), vereinzelt sogar die eigenen Elternteile (bei der Anrede beider zugleich sind im Französischen die vertrauliche und die höfliche Form morphologisch kongruent). Selbst enge Ă€ltere Freunde reden sich bisweilen so an. Die Verwendung der 2. Person Singular (tu) dominiert unter Mitgliedern einer und derselben Familie, unter Angehörigen der Unterschicht, vor allem in der Arbeitswelt, inzwischen auch vermehrt unter jĂŒngeren Leuten. Die Voraussetzung dafĂŒr ist in jedem Fall eine einvernehmliche Nonchalance, die von beiden Seiten als angemessen empfunden wird. Ein 30-jĂ€hriger etwa, der eine ihm nicht nĂ€her bekannte 50-jĂ€hrige auf der StraĂe, als Kellner in einem CafĂ©, als VerkĂ€ufer in einem Kleiderladen oder wo immer sonst (vgl. die im letzten Absatz des Abschnitts »Anrede mit du« angefĂŒhrten Beispiele) mit tu statt mit vous anspricht, gilt in Frankreich ebenso selbstverstĂ€ndlich als Ausbund der RĂŒpelhaftigkeit wie eine 50-jĂ€hrige, die sich gegenĂŒber einem 30-jĂ€hrigen dasselbe herausnimmt â in Deutschland nicht. Ăhnliche Differenzen lassen sich auch im Hinblick auf die Gepflogenheiten des GrĂŒĂens feststellen (vgl. ebd.): Wer das CafĂ©, den Kleiderladen, die Amtsstube o. dgl. betritt und mit Salut (entspricht etwa dem deutschen âșHalloâč) statt mit Bonjour (Guten Tag) grĂŒĂt, fĂ€llt ĂŒberall durch mangelhafte Umgangsformen auf. Auch einem Kind, das den VerkĂ€ufer mit Bonjour, Monsieur grĂŒĂt, wird mit Bonjour geantwortet.
NiederlÀndisch
Im niederlĂ€ndischen Sprachbereich ist das ursprĂŒngliche alt- und mittelfrĂ€nkische Du schon vor mehreren Jahrhunderten verschwunden, Ă€hnlich dem nur noch in Resten ĂŒberlebenden Thou im Englischen. Die aus der 2. Person Plural ĂŒbernommenen Höflichkeitsformen jij und je haben die Funktion des Du angenommen, wiederum Ă€hnlich dem You im Englischen. ZusĂ€tzlich hat sich eine neue Höflichkeitsform u entwickelt, die aus dem Possessivpronomen uwer (âEuerâ, abgeleitet aus Formen wie âEuer Gnadenâ) entstanden ist.
Wenn heute im NiederlĂ€ndischen von âDuzenâ gesprochen wird, ist damit die alte Höflichkeitsform gemeint, wenn von âSiezenâ die Rede ist, die âneueâ Höflichkeitsform. In den Niederlanden, weniger jedoch im flĂ€mischen Belgien, ist âDuzenâ seit den 1970er Jahren deutlich weiter verbreitet als im damaligen Deutschland, auch zwischen Vorgesetzten und Untergebenen. Lediglich Ă€ltere oder höherstehende MitbĂŒrger, die man nicht kennt, wurden und werden regelmĂ€Ăig gesiezt. Anders als im Deutschen ist die asymmetrische Anredeform auch unter Erwachsenen durchaus ĂŒblich (z. B. bei gröĂeren Alters- oder Hierarchieunterschieden). Gott wird heutzutage im Gebet mit der neuen (und groĂgeschriebenen) Höflichkeitsform U angesprochen.
NordeuropÀische Sprachen
Seit Ende der 1960er Jahre und definitiv ab den 1970er Jahren hat sich das Du im Finnischen, Schwedischen, DĂ€nischen, Norwegischen und IslĂ€ndischen im Rahmen der allgemeinen Du-Reform durchgesetzt. Dabei ist freilich zu berĂŒcksichtigen, dass im lĂ€ndlichen und selbst stĂ€dtischen Skandinavien förmliche Höflichkeitsformen schon zuvor oft nur gegenĂŒber ganz wenigen Personen verwendet worden waren und sich ĂŒberdies teilweise, etwa in Schweden, auch keine dem deutschen Sie entsprechende ubiquitĂ€r verwendete Anrede entwickelt hatte. Ersatzweise waren nicht-pronominale Anreden Usus. Das Ni, entsprechend dem deutschen 'Ihr', kann sogar als arrogant und unpersönlich empfunden werden, da es frĂŒher auch gegenĂŒber Dienstpersonal und als unpersönliche Anrede gegenĂŒber dem âgemeinen Volkâ verwendet wurde.
Obgleich man sich in DĂ€nemark somit grundsĂ€tzlich duzt, so gilt dies keineswegs fĂŒr die Anrede der Mitglieder des Königshauses.cite-ref-nordschl-2024-01-14-27-0[27] So unterbrach im Jahr 2015 die damalige Königin Margrethe II. einen Journalisten, der sie bei einer Pressekonferenz geduzt hatte, mit den Worten: âEntschuldigung, ich will nicht besonders pedantisch sein, aber ich glaube nicht, dass wir zusammen zur Schule gegangen sind. Ich glaube, wir sind nicht per Du.âcite-ref-tv2-150413-28-0[28]
Arabische Sprache
Im Arabischen ist die Verwendung der zweiten Person Singular in Verbindung mit dem Vornamen ĂŒblich. Zum Ausdruck der Höflichkeit wird eine Person jedoch meist auch mit ŰłÙŰŻ sayyid âHerrâ oder ŰłÙŰŻŰ© sayyida âFrauâ und dem Vornamen angesprochen. Will ein Sprecher zudem den Rang seines GegenĂŒbers betonen, so kann er ihn z. B. mit ŰŁŰłŰȘۧ۰ ustÄáž (âProfessorâ, Anrede fĂŒr gebildete Personen) oder Űۧۏ áž„Äǧǧ (âPilgerâ, fĂŒr Personen, die die Pilgerfahrt nach Mekka durchgefĂŒhrt haben) ansprechen. Grammatikalisch gesehen gibt es jedoch keine Unterschiede zwischen der Duz- und Siezform: Hier wird ĂŒberwiegend die zweite Person Singular ŰŁÙŰȘ anta (maskulin) bzw. anti (feminin) verwendet. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, diese Anrede um eine bzw. zwei Stufen zu erhöhen: Dies geschieht durch die Wörter Ű۶ۧ۱۩ áž„aážÄra oder ŰłÙۧۯ۩ siyÄda (vgl. sayyid bzw. sayyida) und das AnhĂ€ngen der Personalsuffixe Ù (-ka bzw. -ki), so dass z. B. bei Berichten ĂŒber hochrangige Politiker die Anredeform ŰłÙۧۯŰȘÙ (siyÄdatuka bzw. siyÄdtak) verwendet wird.
Japanische Sprache
Das Japanische kennt keine eigentlichen Personalpronomina. Tritt ein Nomen als Subjekt auf und man will erneut darauf Bezug nehmen, wird statt er/sie/es einfach der Ausdruck wiederholt, wenngleich nach Möglichkeit in einer Kurzform. Viele Wortformen können hierbei pronominal abgewandelt und verwendet werden, so dass das betreffende Wort dann quasi die Bedeutung von âichâ bekommen kann.
Chinesische Sprache
Im Hochchinesischen gibt es im Prinzip eine Du-Form, äœ (nÇ âduâ), und eine Sie-Form, æš (nĂn), wobei die letztere stark zurĂŒckgegangen ist und auch nur fĂŒr Einzelpersonen angewendet werden kann. Wenn man auf der StraĂe sein kleines Essen an einer Bude oder in einem Restaurant bestellt, wird man meist alle duzen. Die Höflichkeitsform wird insbesondere gegenĂŒber Ă€lteren Menschen oder höher Gestellten verwendet. Auch wird das Personalpronomens vielfach durch Namen und Titel des Angesprochenen im Sinne einer nicht-pronominalen Anrede ersetzt, d. h., man sagt zu Herrn Li anstatt Sie sollten ein Taxi nehmen eher Herr Li sollte ein Taxi nehmen.
Alte Sprachen
Im HebrĂ€ischen, Altgriechischen, Lateinischen und auch im Gotischen als einer frĂŒhen germanischen Sprache erfolgten Anreden an Einzelpersonen normalerweise allein durch die hierfĂŒr grammatikalisch vorgesehene 2. Person Singular des jeweiligen Verbs. Pronomina als Subjekte waren fakultativ. Anreden an mehrere Personen erfolgten ebenfalls direkt und ohne Pronomina in der 2. Person Plural. Nur wenn die Pronomina zu betonen waren (in der Art âNicht ich, sondern du!â), wurden beispielsweise im Griechischen und Lateinischen die Pronomina áŒÎłÏ (griechisch) und ego (lateinisch) fĂŒr âichâ sowie ÏÏ (griechisch) und tu (lateinisch) fĂŒr âduâ eingesetzt. So lautet die Bibelstelle Wahrlich, ich sage Euch (MatthĂ€us 16, 26) mit unbetontem âichâ in der um 400 n. Chr. lateinisch geschriebenen Vulgata Amen dico vobis (dico â(ich) sageâ, vobis âeuchâ). Aus der 2. Person Plural entwickelte sich als Anrede gegenĂŒber den spĂ€trömischen Kaisern, die von sich im Pluralis Majestatis sprachen, auch eine Anrede in der Ihr-Form. Diese wiederum war die Vorlage fĂŒr das weit verbreitete Ihrzen in den romanischen und germanischen Sprachen innerhalb des Adels und Klerus ab dem Mittelalter sowie innerhalb des BĂŒrgertums ab der Neuzeit.
Literatur
âą Hermann Bausinger: Sie oder Du? Zum Wandel der pronominalen Anrede im Deutschen. 1979 (Volltext)
⹠Werner Besch: Duzen, Siezen, Titulieren. Zur Anrede im Deutschen heute und gestern. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-34009-5.
âą Gustav Ehrismann: Duzen und Ihrzen im Mittelalter. In: Zeitschrift fĂŒr deutsche Wortforschung. Band 1, 1901, S. 117â149, und Band 2, 1902, S. 118â159.
âą Helmut GlĂŒck, Wolfgang Werner Sauer: Gegenwartsdeutsch. 2., ĂŒberarbeitete und erweiterte Auflage. Metzler, Stuttgart u. a. 1997, ISBN 3-476-12252-2, S. 119â128: Kapitel Duzen, Siezen und Anredeformen.
âą Max Goldt: âDarf man den Herbst duzen?â, in: ders.: âMind-bogglingâ â Evening Post. Haffmans Verlag 1998, ISBN 3-251-00405-0, S. 62â72.
âą Hans TrĂŒmpy: Die Formen der Anrede im Ă€lteren Schweizerdeutschen. In: Paul Zinsli u. a. (Hrsg.): Sprachleben der Schweiz. Sprachwissenschaft, Namenforschung, Volkskunde. Bern 1963, S. 157â166.
⹠Ueber alte und moderne Sprach-Sitte, und Art, sich in verschiedenen StÀnden mit Unterschied anzureden. In: Friedrich Justin Bertuch (Hg.) Journal des Luxus und der Moden, November 1787 (Digitalisat)
âą Theodor Nölting: Ueber den Gebrauch der deutschen AnredefĂŒrwörter in der Poesie. Oesten, Wismar 1853. (Digitalisat)
âą Jacob Grimm: Deutsche Grammatik. Zweite Ausgabe, Band 4. Dieterich, Göttingen 1836, S. 303â311 (Digitalisat)
âą Du. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. 16 BĂ€nde in 32 TeilbĂ€nden, 1854â1960. S. Hirzel, Leipzig (woerterbuchnetz.de).
âą Er. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. 16 BĂ€nde in 32 TeilbĂ€nden, 1854â1960. S. Hirzel, Leipzig (woerterbuchnetz.de).
âą Ihr. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. 16 BĂ€nde in 32 TeilbĂ€nden, 1854â1960. S. Hirzel, Leipzig (woerterbuchnetz.de).
âą Sie (pron.). In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. 16 BĂ€nde in 32 TeilbĂ€nden, 1854â1960. S. Hirzel, Leipzig (woerterbuchnetz.de).
âą Johann Stephan PĂŒtter: Anleitung zur Juristischen Praxi. Band 2. Vandenhoeck 1759, S. 111â121 (google.com).
Weblinks
Wiktionary: Duzen
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
âą La CouturiĂšre Parisienne: Anreden im 18. Jahrhundert
âą SWR2 Forum: Sag einfach Sie zu mir. Es diskutieren: Michael Rutschky â Schriftsteller, Imme Schönfeld â Kommunikationstrainerin, Prof. Dr. Horst Simon â Sprachwissenschaftler, FU Berlin, GesprĂ€chsleitung: Burkhard MĂŒller-Ullrich, 10. April 2015, ARD Audiothek
Einzelnachweise
cite-note-11. â Werner Besch: Duzen, Siezen, Titulieren: zur Anrede im Deutschen heute und gestern. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998.
cite-note-22. â Roger Brown, Albert Gilman: The pronouns of power and solidarity. In: T. A. Sebeok: Style in Language. MIT Press, Cambridge MA 1960, S. 253â276.
cite-note-33. â Georg Philipp Harsdörffer: Der Teutsche Secretarius. 3. Auflage. Wolfgang Endters, 1656, S. 30 (google.com [abgerufen am 11. Februar 2023]).
cite-note-41. zeno.org
cite-note-52. zeno.org
cite-note-63. books.google.com
cite-note-77. â Oskar Erdmann: GrundzĂŒge der deutschen Syntax nach ihrer geschichtlichen Entwicklung. J. G. Cotta, 1886, S. 36â39 (google.at [abgerufen am 25. April 2023]).
cite-note-88. â Die Beispiele beziehen sich auf schriftliche Zeugnisse und mitgeteilte persönliche Erinnerungen aus der Region Basel/Schweiz um 1940.
cite-note-99. â Interview mit dem Linguisten Dr. Hartung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 1. Juli 2007, Nr. 26, S. 16.
cite-note-1010. â Friederike Milbradt: Duzen im Klassenzimmer. In: Zeitmagazin. Nr. 24/2015.
cite-note-1111. â Werner Besch: Duzen, Siezen, Titulieren. Zur Anrede im Deutschen heute und gestern. 2., ergĂ€nzte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-34009-5.
cite-note-1212. â Das kann Bank | DKB AG. Abgerufen am 5. Dezember 2023.
cite-note-1313. â Sparda-Bank NĂŒrnberg | Klimaneutral & nachhaltig. Abgerufen am 5. Dezember 2023.
cite-note-1414. â Willkommen bei REWE. REWE Markt, abgerufen am 5. Dezember 2023.
cite-note-1515. â dm-drogerie markt - dauerhaft gĂŒnstig online kaufen. Abgerufen am 5. Dezember 2023.
cite-note-1616. â ZDFmediathek. Abgerufen am 5. Dezember 2023.
cite-note-1717. â âșhalloâč in: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Abgerufen am 5. Dezember 2023.
cite-note-1818. â Angelika Overath: Gebrauchsanweisung fĂŒr das Engadin. Piper 2016, ISBN 978-3-492-27670-2.
cite-note-1919. â https://htwkbk.wordpress.com/.
cite-note-2020. â âIn Schweizer Firmen herrscht neu Duz-Zwangâ In: 20 Minuten. 13. Januar 2015.
cite-note-2121. â Christian Köster: Sagâ doch nicht "Du" zu mir. In: Zeit online. 17. September 1976, abgerufen am 3. April 2025.
cite-note-2222. â FAZ 26. MĂ€rz 1977 sowie Die Welt 13. Oktober 1987, nach W. Besch: Duzen, Siezen, Titulieren. Zur Anrede im Deutschen heute und gestern. 2. Auflage. Göttingen 1998.
cite-note-2323. â Kommentar zum Gerichtsurteil bei Spiegel Online.
cite-note-2424. â Duden | GroĂ- oder Kleinschreibung von âdu/Duâ und âihr/Ihrâ. Abgerufen am 21. September 2018.
cite-note-2525. â Siehe Sprachatlas der deutschen Schweiz Band V Karte 117 (Anrede gegenĂŒber Ortsfremden), sodann beispielsweise die Romane von Friedrich Glauser (geschrieben in den 1930er Jahren), z. B. Wachtmeister Studer im Projekt Gutenberg-DE
cite-note-2626. â Journal des Luxus und der Moden, November 1787.
cite-note-nordschl-2024-01-14-2727. â Helge Möller: Welche Titel die dĂ€nischen Royals tragen und wie man sie anspricht. In: nordschleswiger.dk. 14. Januar 2024, abgerufen am 14. Januar 2024.
cite-note-tv2-150413-2828. â Jens GrĂžnbech: Dronning Margrethe afbryder journalist: - Vi er ikke dus - TV 2. In: tv.tv2.dk. 13. April 2015, abgerufen am 14. Januar 2024 (dĂ€nisch).